Kultureinrichtungen im ländlichen Raum haben es schwerer als ihre städtischen Pendants: weniger Publikum in unmittelbarer Nähe, weniger Förderstrukturen, mehr Abhängigkeit von persönlichem Engagement. Dass es dem Tausendschön Theater e.V. gelungen ist, über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg ein kontinuierliches Theaterprogramm im Nürnberger Land anzubieten und dabei dreimal umzuziehen, ist eine bemerkenswerte Geschichte – eine Geschichte von Aufbruch, Anpassung und kultureller Hartnäckigkeit.
Die Simmelsdorfer Mühle: Ein Kultstart in besonderer Kulisse (1998–2010)
1998 war die Simmelsdorfer Mühle noch ein wenig bekannter Ort. Was Andrea Lipka und Ralph M. Friedewald dort starteten, war kein großes Kulturprojekt mit institutioneller Rückendeckung, sondern ein engagiertes Experiment: Kabarett und Theater in einem historischen Gebäude, umgeben von Natur, fernab des städtischen Theaterbetriebs. Die Mühle brachte ihre eigene Atmosphäre mit – ein Ort, der schon durch seine Existenz erzählte.
Die ersten Jahre in der Simmelsdorfer Mühle prägten den Grundcharakter des Tausendschön-Programms: Qualität vor Quantität, Nähe zum Publikum, persönliche Handschrift. Das Haus entwickelte eine Stammzuschauerschaft, die teils weite Anfahrten in Kauf nahm. Dieser Kern des treuen Publikums war in den späteren Jahren ein wichtiges Fundament für die Weiterentwicklung.
Das Tausendschön in Schnaittach: Theater und Gastronomie (2009–2014)
Der erste große Umzug führte nach Schnaittach – einem Ort im Landkreis Nürnberger Land, der mit dem neuen Theaternamen "Tausendschön" auch eine neue Identität erhielt. In Schnaittach wurde das Programm um ein vollgastronomisches Angebot erweitert: Abendessen vor der Vorstellung, Biospezialitäten der Neumarkter Lammsbräu in der Pause, ein Ort, der kulturellen Abend und kulinarisches Erlebnis verband.
Diese Verbindung von Gastronomie und Theater ist kein Zufall – sie spiegelt eine Haltung, die dem gesamten Projekt zugrunde liegt: Theater soll kein asketisches Erlebnis sein, das ein spezialisiertes Bildungsbürgertum anspricht, sondern ein Ort der Lebensfreude, an dem Menschen aller Hintergründe willkommen sind. Leib und Seele gleichermaßen zu verwöhnen war das erklärte Ziel.
In Schnaittach entstanden zahlreiche eigene Produktionen, das Repertoire wuchs, das Team erweiterte sich. Die Jahre zwischen 2009 und 2014 waren eine Zeit der Konsolidierung und Professionalisierung.
Der Aufbruch nach Lauf: Die Glückserei (ab 2014)
Im Februar 2014 folgte der zweite Umzug, diesmal in die Innenstadt von Lauf an der Pegnitz. Am Marktplatz 41, im ersten Obergeschoss eines Hauses direkt am Zentrum der Stadt, öffnete die Glückserei ihre Türen. Der Name war Programm: Glück und Glucksen – Freude und Lachen – als Kern einer Kulturarbeit, die sich auf das Wesentliche besinnt.
Der Umzug nach Lauf war bewusst. Lauf an der Pegnitz ist eine Stadt mit gut 26.000 Einwohnern, über die S-Bahn direkt an Nürnberg angebunden und Zentrum des gleichnamigen Landkreises. Die Zentrallage erhöhte die Erreichbarkeit für ein breiteres Publikum – ein Ziel, das der Verein von Beginn an verfolgt hatte.
Gleichzeitig bedeutete der Umzug eine Fokussierung: Das vollgastronomische Angebot wurde zurückgefahren, der Spielbetrieb rückte noch stärker in den Mittelpunkt. Die Glückserei bietet rund 80 Plätze; die intime Atmosphäre zwischen Bühne und Publikum ist ihr größter Vorteil.
Kontinuität durch Wandel
Was die Geschichte des Tausendschön Theater e.V. auszeichnet, ist die Fähigkeit, sich zu verändern, ohne den Kern zu verlieren. Drei Spielorte, unterschiedliche Konzepte, wechselnde Rahmenbedingungen – und dennoch eine erkennbare Linie: Theater mit Anspruch, Kabarett mit Botschaft, Nähe zum Publikum. Die Glückserei in Lauf ist der vorläufige Endpunkt dieser Entwicklung – und gleichzeitig, so legt es die bisherige Geschichte nahe, ein weiterer Aufbruch in der Mitte.