Kabarett ist eine Kunstform mit einer komplexen Geschichte. In Deutschland ist diese Geschichte besonders eng mit dem verwoben, was im Land jeweils politisch und gesellschaftlich geschah: Kabarett war Spiegel und Kommentar, manchmal beides gleichzeitig, manchmal im Widerspruch zueinander. Eine Betrachtung von den Anfängen an der Jahrhundertwende bis heute.
Die Anfänge: Berliner und Münchner Variété (um 1900)
Das deutschsprachige Kabarett entstand um die Jahrhundertwende, stark beeinflusst durch das französische cabaret-Modell – kleine, intim bestückte Bühnen, an denen Chansons, Sketche und literarische Texte zwischen Tischgruppen aufgeführt wurden. München war ein früher Mittelpunkt: Das 1901 eröffnete "Elf Scharfrichter" gilt als Gründungsort des deutschen literarischen Kabaretts; politischer Biss und ästhetischer Anspruch gingen von Anfang an Hand in Hand.
In Berlin entwickelten sich parallel Revue- und Variété-Formate, die populärer und massentauglicher waren als die literarischen Bühnen. Der Metropolcharakter Berlins begünstigte ein breites Spektrum: vom intellektuellen Salon bis zur derb-politischen Tingeltangel-Bühne.
Die Weimarer Republik: Blütezeit und Verführung
Die Weimarer Republik (1919–1933) war die goldene Ära des deutschen Kabaretts. In Berlin entstanden dutzende Bühnen, von denen einige – das Kabarett der Komiker, das Schall und Rauch – zu Institutionen wurden. Die politische Instabilität der Weimarer Zeit war ein Nährboden für scharfe Satire: Inflation, Arbeitslosigkeit, die Gefahr von rechts und links lieferten täglich Material.
Kabarettistinnen und Kabarettisten dieser Zeit – darunter Karl Valentin in München, Claire Waldoff in Berlin, Erich Kästner als Texter – arbeiteten an der Grenze zwischen Volksunterhaltung und Gesellschaftskritik. Der Ton war oft scharf, manchmal visionär: Einige Texte aus den späten 1920er Jahren lesen sich wie Warnungen, die nicht gehört wurden.
Nationalsozialismus: Verbote, Exil, innere Emigration
Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 endete die Blütezeit abrupt. Viele Kabarettistinnen und Kabarettisten emigrierten – in die Schweiz, nach Frankreich, in die USA. Die, die blieben, arbeiteten entweder im Rahmen der reichskulturkammerkonformen Unterhaltung oder hörten auf. Kabarett im Sinne freier politischer Satire war nicht möglich; der Spielraum war gleich null.
Ein spezifisches Phänomen: Das jüdische Kulturleben, das in den frühen 1930er Jahren noch mit dem Jüdischen Kulturbund eine eigene Infrastruktur hatte, wurde zunehmend eingeschränkt und schließlich mit der Deportation seiner Träger vollständig zerstört.
Nachkriegszeit: Neuanfang mit Trümmern
Nach 1945 war Kabarett zunächst Teil des kulturellen Wiederaufbaus – in Ost und West unterschiedlich. In Westdeutschland entstanden in den frühen 1950er Jahren Kabarettbühnen wie Die Münchner Lach- und Schießgesellschaft (gegründet 1956), die für Jahrzehnte prägend wurde. Das westdeutsche Kabarett der Nachkriegszeit wandte sich vor allem gegen Restauration, Adenauer-Ära und politisches Vergessen.
In der DDR entwickelte sich eine eigene Kabaretttradition – Staatskabarett und subversive Kleinkunst, immer im Spannungsfeld zwischen Zulässigem und Verbotenem. Das Dresdner Herkuleskeule wurde zum bekanntesten Beispiel für DDR-Kabarett, das sich innerhalb der Grenzen des Möglichen bewegte und dabei trotzdem Haltung bewahrte.
Die BRD-Jahrzehnte: Kabarett als moralische Anstalt
In den 1960er bis 1980er Jahren festigte sich das Kabarett in Westdeutschland als ernstzunehmende kulturpolitische Kraft. Namenhafte Kabarettistinnen wie Dieter Hildebrand, Werner Finck oder – in späterer Generation – Gerhard Polt hatten großen Einfluss auf die politische Diskurskultur. Kabarett war in dieser Zeit oft politischer als viele Zeitungen und hatte breite gesellschaftliche Resonanz.
Gegenwart: Transformation und Relevanzfrage
Das Kabarett des 21. Jahrhunderts steht vor der Frage seiner Identität. Die Grenzen zu Stand-up Comedy, Late-Night-Formaten und Satire-Sendungen (heute: soziale Medien) sind fließend. Das klassische literarische Kabarett mit Couplet und Chanson hat an Publikumszuspruch verloren; die große politische Satire findet heute oft im Fernsehen statt. Kleine Bühnen wie die Glückserei in Lauf sind in dieser Landschaft wichtig: Sie halten die Tradition des live erlebten, ortsbezogenen, direkten Kabaretts aufrecht – und beweisen, dass Publikum für dieses Format vorhanden ist.